Die Recherche mittels des angegebenen Suchterms in den Literaturdatenbanken erbrachte insgesamt 1277 Treffer. Ein großer Teil dieser Publikationen beschäftigte sich mit ethischen Aspekten selektiver Aborte, der Einstellung der Bevölkerung gegenüber Schwangerschaftsabbrüchen, medizinischen Komplikationen und psychologischen Konsequenzen der Abtreibung. Eine Reihe weiterer Untersuchung machte ungenügende Angaben oder differenzierte die Abbruchraten nicht nach Behinderungsformen. Nach Berücksichtigung der verschiedenen Ausschlusskriterien verblieben insgesamt 23 seit 1982 publizierte Studien, von denen 21 verfügbar waren (siehe Tabelle 1).


Tabelle 1
Übersicht über die verwendeten Studien zu selektivem Abbruch nach positivem Befund

 

Autoren

Region

Zeitraum

pos. Dia­gnosen

Ab­brüche

Anteil

Triso­mie 21

Squire et al. (1982)

UK

1972 - 1980

16

14

87,5%

Daniel et al. (1982)

Australien

1973 - 1980

29

29

100,0%

Benn et al. (1985)

US

1979 - 1984

45

43

95,6%

Julian-Reynier et al. (1995)

Frankreich

1984 - 1990

76

76

100,0%

Binkert et al. (2002)

Schweiz

1980 - 1996

396

333

84,1%

Mutton et al. (1998)

UK

1989 - 1997

4799

4415

92,0%

Britt et al. (2000)

US

1989 - 1998

144

129

89,6%

Stoll et al. (2002)

Frankreich

1990 - 1998

52

43

82,7%

Zlotogora (2002)

Israel

1998 - 2001

584

560

95,9%

Gesamt

 

 

 

6141

5642

91,9%

Spina Bifida

Squire et al. (1982)

UK

1972 - 1980

11

7

63,6%

EUROCAT Working Group (1991)

Europa

1980 - 1986

189

116

61,4%

Roberts et al. (1995)

US

1990 - 1991

37

18

48,6%

Forrester et al. (2000)

Hawaii

1986 - 1997

78

64

82,1%

Olde Scholtenhuis et al. (2003).

Nieder­lande

1996 - 1999

38

35

92,1%

Boyd et al. (2000)

Europa

1998 - 1999

171

118

69,0%

Gesamt

 

 

 

487

358

73,5%

Anen­zephalie

Squire et al. (1982)

UK

1972 - 1980

18

18

100,0%

EUROCAT Working Group (1991)

Europa

1980 - 1986

347

282

81,3%

Forrester et al. (2000)

Hawaii

1986 - 1997

65

32

49,2%

Roberts et al.(1995)

US

1990 - 1991

39

9

23,1%

Boyd et al. (2000)

Europa

1998 - 1999

159

142

89,3%

Gesamt

 

 

628

483

76,9%

Ge­schlechts­­chromo­somen

(XXX, XXY, XYY)

Nielsen & Videbech  (1984)

Dänemark

1970 - 1980

52

32

61,5%

Squire et al. (1982)

UK

1972 - 1980

8

6

75,0%

Gravholt et al. (1996)

Dänemark

1978 - 1985

28

24

85,7%

Benn et al. (1985)

US

1979 - 1984

31

20

64,5%

Holmes-Siedle (1987)

Europa

1979 - 1984

40

25

62,5%

Gravholt et al. (1996)

Dänemark

1986 - 1993

72

51

70,8%

Forrester & Merz (2003)

Hawaii

1986 - 1999

205

57

27,8%

Gesamt

 

 

 

409

189

46,2%

Lippen-Kiefer-Gaumen­spalte

Shaikh et al. (2001)

UK

1991 - 1998

23

2

8,7%

Bergé et al. (2002)

BRD

1990 - 1999

70a

39

55,7%

Blumenfeld et al. (1999)

Israel

1990 - 1999

24

23

95,8 %

Gesamt

 

 

117

64

54,7%

a davon 36 mit weiteren chromosomalen Annomalien


Die Abbruchraten variierten stark je nach Behinderungsart, χ2(4, N = 7782) = 1683.3, p<0.001, und waren bei Föten mit Trisomie 21 bei einer Abbruchrate von 91,5% am höchsten (siehe Abbildung 5, siehe Tabelle 2). Der Anteil von 91,5 % würde wahrscheinlich sogar noch höher ausfallen, wenn nicht auch späte Diagnosen berücksichtigt würden. Diese schließen in einigen Ländern einen Abort aus, da der Fötus bereits extrauterin überleben kann.

Zwei Forscherteams (Daniel et al., 1982; Julian-Reynier et al., 1995) berichten von einem Anteil von 100 % im Falle eines positiven Trisomie 21-Befunds. Die zweithöchste Abbruchrate trat bei Anenzephalie auf. Die Tatsache, dass mehr Frauen einen Fötus mit Anenzephalie austragen als einen Fötus mit Trisomie 21 ist zwar erstaunlich, kann aber möglicherweise darauf zurückgeführt werden, dass bei einer Anenzephalie das Kind normalerweise innerhalb weniger Stunden nach der Geburt verstirbt. Bei Spina Bifida betrug die Abortrate 73,5 %. Die niedrigsten Abbruchraten traten hingegen bei Föten mit Anomalien der Geschlechtschromosomen (Turner-Syndrom, Klinefelter-Syndrom; durchschnittliche Abortrate: 46,2%) und bei Föten mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalte (LKGS) auf. Insbesondere bei Föten mit LKGS variierten die Abbruchraten sehr stark. Während eine britische Studie (Shaik et al., 2001) von einer Abortrate von 8,7 % berichtet, betrug dieser Anteil in Israel 95,8 % (Blumenfeld et al., 1999). Die Rate in Deutschland (Bergé et al., 2002) lag mit 54,7 % nahe am Durchschnitt.

Anteil selektiver Aborte nach Behinderungsart
Abbildung 5
Anteil selektiver Aborte nach Behinderungsart


Ebenso nahm der Anteil der selektiv abgetriebenen Föten insgesamt merklich zu, χ2(2, N = 7120) = 107.8, p<0.001. Während im Zeitraum bis 1980 76,2 % der Frauen nach einem positiven Befund eine Abtreibung durchführen ließen, waren es im Zeitraum nach 1989 88,1 %.


Tabelle 2
Abbruchraten nach positivem Befund getrennt nach Zeitraum

Zeitraum

positive Dia­gnosen

Ab­brüche

Anteil

bis 1980

147

112

76,2%

ab 1980 bis1989

652

486

74,5%

nach 1989

6345

5590

88,1%




Die von Stoll et al. (2002) mit 72,5 % angegebene pränatale Erkennungsrate für Trisomie 21 und die Abbruchrate für Föten mit Down-Syndrom von ca. 91,5%, ergeben rein rechnerisch, dass ca. 66% aller ungeborenen Kinder mit Down-Syndrom abgetrieben werden. Diese Zahl stellt nur einen groben Schätzwert dar, da das steigende mütterliche Alter nicht berücksichtigt wird. Auch fehlt die Korrektur der bereits beschriebenen Überschätzung der Anzahl von Lebendgeburten mit Trisomie 21 in Pränataluntersuchungen. Lässt man diese Einschränkungen außer acht, so sinkt die natürliche Inzidenz von etwa 1 : 700 (Snijders et al., 1994) in Populationen ohne Pränataluntersuchungen und selektivem Abort auf ca. 1 : 2000.